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Vorwort Prof. Ehalt

DIE HERKUNFT DER KURDEN 2010

Vorwort des Reihenherausgebers

Von Hubert Christian Ehalt


Ferdinand Hennerbichler hat ein Buch über ein aktuelles politisches, gesellschaftliund kulturelles Thema geschrieben - über die Herkunft der Kurden. Die Gesamtzahl der Kurden beträgt etwa 35 Millionen; ihr Hauptsiedlungsgebiet liegt im Nahen Osten, sie sprechen kurdische Dialekte und leben in zum Teil sehr großen ethMinderheiten in der Türkei, im Irak, im Iran und in Syrien. Überall kämpfen sie um Anerkennung und Autonomie und finden sich in Konfliktsituationen mit den Nationalstaaten, in denen sie leben.

Entlang der wissenschaftlichen Diskussion über die Herkunft der Kurden in unterwissenschaftlichen Disziplinen kommt man geradewegs zu Hauptfragen der Anthropologie, der historischen, aber auch der biologischen. „Ethnogenese“, Ansätze zur „Nationenbildung“, Sprachentwicklung, Grundlagen und Entwicklungstenkollektiver und individueller Identität, all das sind Fragestellungen, die im Hinblick auf die Kurden zum großen Teil noch auf schlüssige wissenschaftliche Antworten warten. Das Institut für historische Anthropologie in Wien hat die fundierteArbeit von Ferdinand Hennerbichler mit großer Überzeugung in das Publikationsprogramm der historisch-anthropologischen Studien übernommen. Gerade Forschungen, wie jene Hennerbichlers, die breite und offene Interdisziplinarität wagen und sich der Maxime von Paul Feyerabend „wider den Methodenzwang“ verpflichtet fühlen, sind für die aktuelle Forschung im allgemeinen und die Anthropologie im Besonderen wertvoll und weiterführend.

Die aktuellen Erkenntnisse der Molekularbiologie, der Genetik und immer stärker der Neurophysiologie verändern das Menschenbild und das Wissen über das Kultur- und Naturwesen Mensch. Die „Menschenkunde“, die Anthropologie, muss neu - wesentlich aus interdisziplinären Quellen - konzipiert werden. Geistes- und Kulturwissenschaften einerseits und Naturwissenschaften andererseits sind aufgefordert, ihre Ergebnisse miteinander auszutauschen, miteinander zu diskutieren, aufeinander zuzugehen. Der aus Österreich stammende Neurowissenschafter Eric Kandel, der für seine Forschungen den Nobelpreis für Medizin erhielt, gab seinem Buch „Auf der Suche nach dem Gedächtnis“ den Untertitel „Die Entstehung einer neuen Wissenschaft des Geistes“. Mit dem Blick auf die aufregenden neuen Ergebnisse dieser Neurophysiologie rücken die alten vertrauten Konzepte von „menschlicher Identität“ - z.B. „Herz“ und „Busen“ für den Ort, in dem Ich-Gefühle und Bewusstsein wurzeln - immer mehr in den Bereich des Mythologischen. Die von Max Weber so genannte Entwicklung der „Entzauberung der Welt“ scheint im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts erst so richtig begonnen zu haben. Sind - so muss man heute fragen - die alten Konzepte der Lebens- und kulturellen Welten, die Geschichte, Soziologie, Ethnologie, Kommunikations- und Sprachwissenschaften erforschen, für die Analyse des Menschen obsolet?

Die neuen Naturwissenschaften geben bis dato jedoch trotz ihrer gleichermaßen wichtigen wie interessanten Kritik der alten Geisteswissenschaften und ihrer Methoden und Ergebnisse noch keine plausiblen Parameter für ein neues und aktuelleres wis-senschaftliches Weltbild. Das Wissen über Geschichte und Gesellschaft basiert auf Texten, auf von Menschen gestalteten Objekten mit von Menschen gegebenen Sinngehalten und Funktionen. Mit von HistorikerInnen entwickelten Methoden der Quellen- und Textkritik analysieren und deuten wir die Handlungen der Menschen - Analyse und Erklärung einerseits und Verständnis und Deutung andererseits - ergänzen einander. Der Konstruktivismus hat in allen Wissenschaftsdisziplinen - in den Naturwissenschaften ebenso wie in den Kulturwissenschaften - die selbstreflexiven Perspektiven und die daraus entwickelten Methoden zur Berücksichtigung und Relativierung des „Standortes“, an dem sich der Beobachter befindet, gestärkt. In der Geschichtswissenschaft vertraut man heute weniger einem naiven Positivismus, der Würdigung von „Fakten“, als einer Perspektive, die davon ausgeht, dass die geistig-kulturelle Welt aus „Erzählungen“ und „Texten“ besteht. Das Fragmentarische und Ephemere der geistes- und kulturwissenschaftlichen Deutung der menschlichen Handlungen und Gestaltungen war bis jetzt Grundlage und Garantie für die Offenheit der sozialen Welt und ihrer Deutungen: wenn unterschiedliche und immer neue Interpretationen des gesellschaftlichen Geschehens möglich sind, dann ist auch die gegenwärtige Gestaltung der Welt offen.

Die Naturwissenschaften sagen vereinfacht: beim Denken und Handeln, die den Menschen konstituieren, gibt es ein Geschehen, das die Molekularbiologen und die Neurophysiologen wissenschaftlich beschreiben können und in dem die „Willensfreiheit“, die Gestaltung der Welt durch autonome Individuen, eine immer geringere Rolle spielt.

Die Geistes- und Kulturwissenschaften sagen andererseits, dass die Texte und Werke, mit denen sie arbeiten - z.B. Laurence Sternes Tristram Shandy, Voltaires Candide, Goethes Faust, Mozarts Zauberflöte -, unendlich viel mehr über den Menschen aussagen, als die von den Molekularbiologen sequenzierte DNA; was erfährt man - so argumentieren sie - über den Menschen, wenn man weiß, was beim Komponieren und Hören von Mozarts Requiem beim „Tanz der Proteine“ im Gehirn vorgeht. Deutung und Verständnis könnten doch einzig und allein über sprachliche Erkundungen der Qualität und der Inhalte der Werke geschehen.

Wie die historische Anthropologie in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden ist, waren die Perspektiven von Natur- und Kulturwissenschaften auf den Menschen noch weit verschwommener, die wissenschaftlichen Konflikte, aber auch die Möglichkeiten spannender, grenzüberschreitender Forschungsarbeit waren noch weniger deutlich. Vorschnell konnte man auf dem Wissenschaftsstand vor 25 Jahren von Biologismen und Soziologismen sprechen, wenn man Grenzüberschreitungen der Disziplinen ansprechen wollte.

In den letzten Jahren ist es möglich geworden, dass eine interdisziplinäre Studie wie jene, die Ferdinand Hennerbichler in diesem Buch vorlegt, entsteht. Das Buch Hennerbichlers zeigt idealtypisch, wie Natur- und Kulturwissenschaften heute zusam-menarbeiten können. Die wichtigsten Disziplinen dieser großen thematischen Forschungsgemeinschaften - Populationsgenetik, Geschichte, Archäologie und Linguistik - werden im vorliegenden Text in einen ungeheuer anregenden Dialog gebracht. Hennerbichler kennt die Forschungsergebnisse von Luigi Luca Cavalli-Sforza ebenso wie die historische und aktuelle linguistische Forschung über die Kurden. Hennerbichlers Buch zeigt paradigmatisch, wie fruchtbar und spannend der Dialog zwischen biologischer und historischer Anthropologie gegenwärtig ist.

Das Institut für Historische Anthropologie, in dessen Schriftenreihe Ferdinand Hennerbichlers Buch erscheint, bietet seit seiner Gründung eine lebendige Diskussionsplattform für unterschiedliche Perspektiven auf den Menschen als Natur- und Kulturwesen aus natur- und kulturwissenschaftlicher Perspektive.

Die naturwissenschaftlich orientierte Anthropologie erforscht den Menschen unter morphologischen und organfunktionellen, in wachsendem Maß aber unter genetischen und molekularbiologischen Aspekten, die Soziobiologie versucht, gesellschaftliche Prozesse als Kampffeld egoistischer Gene zu enttarnen, die Ethologie - gegenwärtig immer stärker die Evolutionsbiologie - untersucht Verhaltensprogramme, die sich in der Evolution herausgebildet haben. Von den Ergebnissen der Molekularbiologie, vor allem aber auch von jenen der Neurophysiologie und deren Anwendungen, die von Politik und Wirtschaft mit großem Interesse wahrgenommen werden, sind für Wissenschaft und Gesellschaft, für Ethik und Menschenbild entscheidende Impulse zu erwarten.

Die historische Anthropologie beschäftigt sich mit dem Menschen als einem durch die Kulturen geformten und formbaren Wesen. Sie geht auf der Grundlage vielfältiger differenzierter Befunde über unterschiedliche Ethnien und Kulturen in verschiedenen Epochen davon aus, dass die Menschen in ihren Sprachen, Symbolen, Ritualen, Verhaltensweisen und Wahrnehmungsformen flexible Kulturwesen sind, die die Fähigkeit haben, über ihr individuelles und soziales Leben zu reflektieren. Das Handeln der Menschen - auch das wissenschaftliche Handeln - wird stets durch diese Reflexionstätigkeit gestaltet, modifiziert, weiterentwickelt.

Fraglos gibt es in den Kulturen Lebensfelder, die in ihren Strukturen und Ausdrucksformen einander ähnlich sind, weil die durch die Natur vorgegebenen Probleme ähnliche Lösungen nahe legen und weil die Menschen sich in ihrem genetischen Potenzial jedenfalls in den letzten zwanzigtausend Jahren nicht - oder nur kaum - verändert haben. In dem Bereich dieser „Universalien“ gehört die Gesamtheit der Ausdrucksformen des Lebenszyklus, des generativen Verhaltens, der Umgang mit Körper und Sexualität, mit Raum- und Zeitstrukturen in unterschiedlichen kulturellen Situationen. Aus den Kulturwissenschaften wissen wir, dass die Bewältigung der Grundprobleme des Menschseins unendlich viele kulturelle Ausdrucks-, Interpretations- und Wahrnehmungsformen hervorgebracht und zugelassen hat. Die historische Anthropologie geht formalen, inhaltlichen und funktionalen Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der Naturbewältigung nach und fragt nach deren Ursachen und Folgen.

Neben den biologisch-genetischen Strukturen, die Biologie, Molekularbiologie, Neurophysiologie, Genetik, Ethologie und Soziobiologie erforschen, gibt es also diese historisch geprägten Strukturen, die durch Gestaltbarkeit und Reflexivität gekennzeichnet sind und die menschliche Geschichte und Kultur erst konstituierten und gestalten. Sie haben bisweilen eine über viele Generationen reichende „longue durée“. Die historisch-anthropologischen Studien analysieren diese in der Geschichte sich entfaltenden Strukturen von Verhaltensweisen und von symbolischen Ausdrucks- und Kommunikationsformen und deren Wahrnehmung durch die Individuen.

Der vorliegende Band gibt - auf der Grundlage der Jahrzehnte langen Kurdenforschungen, die der Autor betrieben hat, einen Überblick über Fakten, Bedeutungen, Symbole, Erzählungen, deren Struktur und Semantik und deren Interpretation über die Herkunft der Kurden. Die Stärke dieses Textes ist die eindrucksvolle Kompetenz (im empirischen Befund ebenso wie im scharfen theoretischen Blick) des Autors. Als Herausgeber der historisch-anthropologischen Studien freue ich mich darüber, dass mir Ferdinand Hennerbichler seinen Text, der sich als Handbuch der Kurdologie bald durchsetzen wird, zur Publikation übergeben hat.

Hubert Christian Ehalt

Univ.-Prof. Dr. Hubert Christian Ehalt

Kulturabteilung der Stadt Wien
Wissenschafts- und Forschungsförderung
Wiener Vorlesungen
Friedrich Schmidt-Platz 5
A-1082 Wien
Österreich


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